Bei der Pressekonferenz der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) wurde das neue JAHRBUCHT SUCHT 2011 in Berlin vorgestellt von: Dr. Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der DHS, Prof. Dr. Rudolf Egg, Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, Gaby Bartsch, Referentin für Grundsatzfragen in der DHS-Geschäftsstelle und Jost Leune, Geschäftsführer des fdr fachverband drogen und rauschmittel e.v.

Folgende Themenbereiche wurden angesprochen:

Suchtmittelkonsum nach wie vor auf hohem Niveau: Dr. Raphael Gaßmann verwies auf den leichten Rückgang des Tabakkonsums in Deutschland (-1,6%) wie des Alkoholkonsums pro Kopf (-2%). Gründe für den Rückgang seien die Tabakpolitik in Form des Nichtraucherschutzes, die Preiserhöhungen für Zigaretten wie die Alkoholpolitik für die Zielgruppe Jugendliche (Abgabe und Konsum ab 18 Jahren).  Gleichzeitig sei die Zahl der tabakbedingten Todesfälle nach wie vor zwischen 110.000 und 140.000, die Zahl der Alkoholtoten über 73.000. 9,5 Mio Menschen konsumierten in Deutschland Alkohol in gesundheitlich riskanter Weise.  Schätzungsweise ein Drittel der verordneten Arzneimittel würden nicht wegen akuter Probleme, sondern langfristig zur Suchterhaltung und Vermeidung von Entzugserscheinungen verordnet. Nicht einzuschätzen sei die wachsende Zahl der Internetbestellungen und Privatrezepte. Für 1,2 % der Gesamtbevölkerung läge laut Schätzungen des Epidemiologischen Suchtsurveys (2009) eine Cannabisabhängigkeit vor - andere Quellen sprächen von ca. 220.000 Cannabisabhängigen. Mehr in der Presseinformation.

Delikte unter Alkoholeinfluss: Prof. Egg wies darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen Alkohol und Straffälligkeit zu den am besten untersuchten Erkenntnissen der Kriminologie über die Entstehung von Straftaten ist. Der Konsum von Alkohol und dessen körperliche und psychische Folgen würden oft eine für das Tatgeschehen wesentliche und mitgestaltende Bedingung bilden. So sei 2009 bei rund 35 % aller Tatverdächtigen wegen gefährlicher und schwerer Körperverletzung ein Alkoholeinfluss zum Tatzeitpunkt festgestellt worden (Polizeiliche Kriminalstatistik 2009). Außer bei Gewalttaten spiele der Alkoholeinfluss auch im Bereich von Straßenverkehrsdelikten eine beträchtliche Rolle. 2009 seien 440 Personen, über 10 % aller Verkehrstoten, an den Folgen eines Alkoholunfalls gestorben, über 6.000 schwer und über 15.000 leicht verletzt worden. Das seit August 2007 eingeführte Alkoholverbot für Fahranfänger (0-Promille-Grenze) scheine jedoch Wirkung zu zeigen: Die Zahl alkoholisierter junger Unfallbeteiligter sei rückläufig. Mehr in der Presseinformation.

Image und Schadenspotenzial des Alkohols: (Gabriele Bartsch) 97,1 % der 18 bis 64-Jährigen (Epidemiologischer Suchtsurvey 2009) konsumiere Alkohol, die Abstinenzrate betrage bei derselben Altersgruppe 2,9 %. Jeder Fünfte der Konsumenten habe ein Alkoholproblem, so Frau Bartsch von der DHS-Geschäftsstelle. In krassem Gegensatz dazu stehe das Image des Alkohols als Muntermacher, Kontaktstifter, Problemlöser, Schlaftrunk. Für Jugendliche gelte das Motto: Wer Alkohol trinkt, ist cool. Einen Anteil an der allseitigen Akzeptanz des Alkoholkonsums habe ohne Zweifel die lange Tradition von Bier, Wein und Spirituosen in Deutschland. Alkoholkonsum werde kaum hinterfragt, Tatsachen wie bspw. Dass Alkohol stark karzinogen ist (10 % der Krebserkrankungen gingen auf Alkoholkonsum zurück) oder dass das Produkt als psychoaktiv wirkende Substanz Einfluss auf riskantes Verhalten hat, werde in aller Regel ignoriert. Für jährlich 1 Milliarde Euro werde von der Alkoholindustrie das Image vom ungefährlichen Lifestyle-Produkt beworben: verharmlosende Imagewerbung, fehlende Warnhinweise auf Produkten oder Verpackung, das hohe Maß an Produktplatzierungen in Filmen und TV-Serien und die Verbindung von Sport und Alkohol durch Werbung und Sponsoring. Die DHS fordere eine einheitliche zweckgebundene Abgabe für Prävention und Therapie (analog der Schweiz) pro Liter reinen Alkohols der jeweiligen Getränke, einschließlich Wein, auf der Basis des derzeit bestehenden Steuersatzes für Spirituosen. Durch eine solche politische Maßnahme werde der Tatsache Rechnung getragen, dass jeder Alkohol, gleichgültig, ob in Form von Schnaps, Wein oder Bier schädlich ist. Mehr in der Presseinformation.

Verunsicherung bei der gesundheitlichen und sozialen Sicherung für Suchtkranke: (Jost Leune) Deutschland biete mit seinen mehr als 1.200 Suchtberatungsstellen, 12.000 Therapieplätzen und 8.700 Suchtselbsthilfegruppe ein differenziertes, wirksames, leistungsfähiges und vernetztes Angebot an Hilfen. Aus dem in Deutschland „hoch gelobten System der sozialen Sicherung“ sei jedoch zunehmend soziale Verunsicherung geworden: Prävention, Beratung und soziale Eingliederung von Suchtkranken werde überwiegend von den Kommunen durch jährliche, nicht kostendeckende Zuschüsse finanziert und von der Finanzkraft der kommunalen Gebietskörperschaften abhängig. Der gesetzlichen Rentenversicherung, welche meist die medizinische Rehabilitation Suchtkranker bezahlt, sei mittlerweile das Geld ausgegangen, so dass mit rigiden Anforderungen an Einrichtungen und Behandlungserfolg versucht werde, das an seine Grenzen gestoßene Budget zu retten. Leistungen der Grundsicherung nach SGB II und der Arbeitsförderung nach SGB III würden gekürzt und reduziert, weil sie den Einsparvorgaben der Bundesregierung unterliegen. Aufgrund höchstrichterlicher Rechtsprechung werde in Bezug auf die Therapiebestimmungen des Betäubungsmittelgesetzes (§ 35 BtmG: „Therapie statt Strafe“) immer häufiger ein Zusammenhang zwischen Straftat und Abhängigkeit bestritten und die Betroffenen viele Jahre im Justizvollzug festgehalten. Es scheine die sozialpolitische Strategie zu greifen, dass mit kurzen (d.h. billigen) Interventionen nur noch denjenigen geholfen wird, die schnell wieder leistungsfähig werden können. Chronisch Kranke, Alte und ganz Jungen fielen aus diesem Raster heraus und würden zunehmend ihrem Schicksal überlassen. Dazu käme, dass sich die Geldgeber bei der Finanzierung der Suchthilfe einig schienen: „Bezahlen sollen die andern!“ Kommunen, Länder, Sozialversicherungen, Jugend- und Sozialhilfe schöben sich die Verantwortung für die Finanzierung von Hilfeleistungen zu. Die professionelle Suchthilfe wende sich entschieden gegen diese unsoziale Politik, zumal die Suchthilfe längst bewiesen habe, dass sie mit wenig Aufwand viele Menschen wieder in die Gesellschaft integrieren könne. Mehr in der Presseinformation

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Eberhard Ewers (PARITÄTISCHER Gesamtverband)