Lotsen im Netzwerk

Auf der Suche nach innovativen Ideen zur besseren Erreichbarkeit und damit Integrierbarkeit von Menschen mit Suchtproblemen erfuhr der Fachverband Drogen und Rauschmittel e.V. in Gesprächen mit FachkollegInnen aus Brandenburg im Frühjahr 2007 vom Projekt des „Lotsennetzwerks“. Die Brandenburgische Landesstelle gegen die Suchtgefahren e.V. mit Sitz in Potsdam entwickelte unter der Federführung des Geschäftsführers, Claus Niekrentz, das Konzept dazu. Im Juli 2007 konnte das Projekt mit seiner Arbeit in Brandenburg beginnen.

Der (fdr) greift die Idee vom Lotsenprojekt auf und startet den Versuch, auch in Thüringen Menschen zu erreichen, die freiwillig und ehrenamtlich bereit sind, als Lotsen im Netzwerk tätig zu werden.

 

Das Lotsennetzwerk in Thüringen


Zur Situation
Nach einer Akutbehandlung (Entzug – SGB V) gelingt es Suchtpatienten nur manchmal, sich selbst soweit zu stabilisieren, dass sie ihre Probleme im Zusammenhang mit der Abhängigkeit ohne weitere Hilfe in den Griff bekommen. Für eine medizinische Rehabilitation oder eine Unterstützung im Rahmen des Suchthilfenetzwerkes können sich viele (noch) nicht entschließen. Die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe wird z. T. abgelehnt.

Dies hat häufig zur Folge, dass ein Teil der Abhängigkeitskranken sehr rasch wieder in ihr altes Suchtverhalten zurückfällt und einer erneuten stationären Akutbehandlung bedarf (‚Drehtürpatienten’).

Und genau hier setzt das Lotsenprojekt an. Lotsen sind ehrenamtlich und freiwillig tätige und abstinent lebende Suchtkranke (oder Angehörige), die für einen bestimmten Zeitraum den Betroffenen auf dem Weg zur Abstinenz, in das Hilfesystem, in eine Selbsthilfegruppe und in die Gesellschaft begleiten.

 

Der Lotse im Netzwerk

Der Begriff „Lotse“ stammt aus der Seefahrt. Ursprünglich bezeichnet ein „loadsman“ im Englischen einen Geleitsmann, also ein erfahrener Kapitän, der sich in den Gewässern gut auskennt. Mit seinem Wissen steuert er das Schiff samt Besatzung geschickt und trocken ans Ziel.

 Lotsen im „Lotsennetzwerk“ sind Menschen, die mit ihrer Erfahrung dabei helfen, Alkoholkranke ans rettende, trockene Ufer zu lenken. Sie sind entweder Angehörige von Suchtkranken oder waren selbst abhängig. Lotsen sind ehrenamtlich und freiwillig tätig und bilden gemeinsam mit einem begleitenden Facharzt und/oder dem Sozialdienst der Klinik sowie dem Patienten ein Team.

 

Der Lotse kann lenken, rudern muss der Patient selbst. Er ist „Türöffner“, der den Alkoholkranken den Weg z.B. in die Selbsthilfegruppe weist. Der Patient kann darauf vertrauen, dass die ihm zur Seite stehende Person nur für ihn da ist. Der Lotse hat weniger eine Kontroll- als eine beratende Funktion.

 

Ziele
Übergreifende Ziele des Projekts sind einerseits die Verbesserung der Gesundheitssituation der Bevölkerung durch Frühintervention und durch die Veränderung gesundheitsrelevanter Strukturen und andererseits die Verbesserung der Erreichbarkeit von suchtkranken Menschen und deren Angehörigen, die das Hilfesystem (noch) nicht nutzen wollen. Durch die Bündelung von Fachkompetenzen und den gezielten und koordinierten Einsatz von Ressourcen sollen suchtkranke Menschen bei der Einhaltung ihrer abstinenten Lebensweise unterstützt, Folgekrankheiten und unzählige Entgiftungsbehandlungen vermieden, psychosoziale Begleiterscheinungen reduziert und eine Vermittlung in das Hilfesystem bzw. Integration in die Gesellschaft vorbereitet werden.

 

Aufgaben des Lotsen

Das Aufgabenprofil des Lotsen ist klar definiert und wird in einer vorhergehenden Schulung vermittelt. Der Lotse unterliegt der Schweigepflicht. Die Aufgaben des Lotsen zur Stabilisierung und Vermittlung des Betroffenen bestehen u. a.

  • im Aufbau eines tragfähigen Kontaktes
  • in einer empathischen Grundhaltung
  • in Klarheit, Verlässlichkeit, Verbindlichkeit
  • in der Orientierung an den Ressourcen
  • in der Aktivierung der Selbstheilungskräfte
  • in Kurzinterventionen gemäß gemeinsamer Vereinbarung
  • in der Bearbeitung von Alltagsproblemen (Wohnung, Arbeit, Familie, Schulden)
  • in der Information und Beratung über Angebote und Hilfen im Suchthilfesystem und über Selbsthilfegruppen

 

Der Lotsenschutz

Der Lotse ist als abstinent lebender Abhängigkeitskranker immer auch selbst in Gefahr, rückfällig zu werden und bedarf deshalb eines besonderen Schutzes. Bei aller Tätigkeit muss sich der Lotse bewusst sein, dass er ein (Weg)Begleiter ist und nicht mehr. Er ist keinesfalls für den Betroffenen verantwortlich und soll ihn nicht retten müssen. Lotsen sind keine Meister oder Gurus.

 

Koordinierungsstelle

Der (fdr) ist als Projektträger mit seinem Büro für Suchthilfe in Erfurt gleichzeitig auch Koordinierungsstelle des Modellprojekts. In dieser Funktion ist er von Beginn an der Konzeptionierung, Entwicklung und Durchführung des Projekts beteiligt und übernimmt die Gesamtkoordination des „Lotsennetzwerks“. Er organisiert eine Lotsenschulung und begleitet deren Durchführung. Ebenso arbeitet der (fdr) an der Entwicklung von Standards für die Lotsentätigkeit, organisiert Gremien zum Austausch der am Projekt beteiligten Partner und koordiniert die Arbeit der Kooperationspartner im Lotsennetzwerk. Er macht das Projekt in Thüringen bekannt und sorgt dafür, dass sich viele kompetente Partner dem Netzwerk anschließen und bereit sind, gemeinsam die Ziele des Modellprojekts zu erreichen.

Die Koordinierungsstelle ist Ansprechpartner für die Lotsen selbst, die im Sinne eines Lotsenschutzes dort entsprechende Unterstützung erwarten können.

Die Tätigkeiten im Rahmen des „Lotsennetzwerkes“ werden dokumentiert und in Abschlussberichten zusammengefasst.

 

Projektentwicklung seit März 2008

Am 01. und 02. März 2008 fand im Haus der Selbsthilfe in Ernstthal die erste Lotsenschulung statt.An der Schulung nahmen 14 an der Lotsentätigkeit Interessierte teil. An diesem Wochenende ging es darum, den Teilnehmenden das Vorhaben des Lotsenprojektes vorzustellen, sie mit den Zielen vertraut zu machen und zu verdeutlichen, inwiefern der interessierte Lotse in der Lage ist, an dem Projekt teilzunehmen.

Übungen zu der Situation von Patienten im Rahmen einer Entgiftungsbehandlung, zu Kompetenzen der Lotsen bei der Begleitung von Patienten und zu Gesprächen mit einem Patienten in der Klinik versetzten die TeilnehmerInnen in eine reale Situation.

Alle FortbildungsteilnehmerInnen (12 Männer, 2 Frauen) entschieden sich am Ende der Schulung für eine Lotsentätigkeit, ggf. auch im Lotsentandem (zwei Lotsen begleiten einen Patienten). Die Lotsen erhielten ein Lotsenhandy, um erreichbar zu sein und die Privatsphäre zu schützen.

Die gewonnenen Lotsen arbeiten in den Regionen Erfurt, Jena, Stadtroda,  Ilmenau, Hildburghausen und Mühlhausen.

 

Im Laufe des Jahres 2008 mussten aus beruflichen Gründen (Umzug nach Stuttgart, Arbeit auf Montage, persönliche Gründe) 4 Lotsen ihre Tätigkeit aufgeben, so dass derzeit 10 Lotsen im Einsatz sind.

 

Weitere 12 potentielle Interessenten für eine Lotsentätigkeit stehen auf der Warteliste für eine weitere Lotsenschulung, die leider erst stattfinden kann, wenn unser Antrag bei der Aktion Mensch bewilligt wurde.

 

Ende 2008 fanden zwei Praxisberatungen statt, um sich über die bisherige Arbeit als Lotse auszutauschen, Probleme zu besprechen und Hinweise zu geben.

 

Bisherige Erfahrungen

Das Projekt benötigte eine relativ lange Anlaufphase, da im Vorfeld Kliniken und Interessenten für eine Lotsentätigkeit gewonnen und das Projekt den Netzwerkpartnern immer wieder neu ins Gedächtnis gerufen werden musste. Im Alltagsgeschäft der Kliniken gehen neue Ideen und Ansätze schnell unter, wenn man nicht an der Sache dran bleibt und weiter arbeitet.

 

Der Sozialarbeiter des Katholischen Krankenhauses in Erfurt hatte die Idee, ein Informationsblatt für die Patienten zu entwickeln, die dann ggf. von selbst auf den Stationsarzt oder den Sozialdienst zugehen können, um eine Lotsenbegleitung einzufordern. Diese Idee fanden wir sehr gut und setzten sie sofort um mit dem Ergebnis, dass tatsächlich Patienten aktiv werden.

Bisher haben sich 18 Patienten für eine Lotsenbegleitung entschieden, die von 5 Lotsen und einer Angehörigen begleitet werden.

 

Im Vergleich zu den Potsdamer Kollegen haben wir noch viel nachzuholen.

Wir profitieren zwar von den Erfahrungen des Brandenburger Projekts, müssen aber auch feststellen, dass sich Projekte nicht eins zu eins übertragen lassen.

Die nächste Lotsenschulung in Thüringen ist für August 2009 geplant.

 

Gewinn für Betroffene

Durch die Bekanntmachung des Lotsenprojekts in den Gremien der Selbsthilfe (Fachausschuss Selbsthilfe; Arbeitskreis Sucht in Erfurt; Selbsthilfe Arbeitsgemeinschaft Sucht…) und den Selbsthilfegruppen in Thüringen haben sich Interessenten gemeldet, die gerne als Lotse tätig werden wollen.

Voraussetzung für eine Lotsentätigkeit ist die eigene Betroffenheit bzw. Betroffenheit in der Familie (Angehörige) sowie die Mitgliedschaft in einer Selbsthilfegruppe.

 

Abstinent lebende Suchtkranke haben reichhaltige Erfahrungen auf dem Wege zur Abstinenz gemacht und kennen die Stolpersteine, die im Alltag am Wegesrand liegen, kennen aber auch die Hilfemöglichkeiten, die für sie nützlich waren bzw. noch immer sind. In der Selbsthilfegruppe haben sie gelernt, anderen zuzuhören. Zuhören können ist wichtig in der Arbeit mit suchtkranken Menschen, die neben ihrer Krankheit meist ein ganzes Paket von Problemen zu tragen haben.

Die Lotsen vermitteln den Betroffenen, dass man es schaffen kann. Wunder hingegen können die Lotsen nicht vollbringen. In ihrer Arbeit müssen auch Lotsen mit Rückschlägen rechnen, wenn z. B. Patienten den verabredeten Termin nicht einhalten oder wenn sie im Gespräch merken, dass der Patient Alkohol getrunken hat. Dann müssen sie warten, bis der Patient wieder nüchtern ist und klar denken kann.

 

Ähnlich wie in einer Selbsthilfegruppe funktioniert auch hier das Prinzip der gegenseitigen Hilfe (englisch: mutual aid oder help), die durch Geben und  Nehmen geprägt ist. Auch wenn es zunächst den Anschein hat, dass der Lotse nur für den Betroffenen nützlich ist, bewirkt diese Tätigkeit, dass der Lotse selbst an dieser Aufgabe wächst. Die Hilfe, die der Lotse in seiner „suchtaktiven“ Vergangenheit von anderen erhalten hat, kann er jetzt zurückgeben.

Lotse und Patient haben gemeinsam, dass sie abhängigkeitskrank sind. Aus diesem Grund ist der Zugang zu einem Lotsen meist einfacher als zu einem Professionellen. Die Begleitung durch einen Lotsen bewahrt zudem mehr Privatsphäre als z.B. der Besuch einer Suchtberatungsstelle oder die regelmäßige Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe. Ziel ist es natürlich, irgendwann einmal die Angebote des Sucht- und Selbsthilfesystems anzunehmen. Manche Patienten benötigen dazu aber etwas Zeit, um sich zu ihrer Krankheit zu bekennen. Andere Patienten sind „austherapiert“ und möchten zunächst nichts mehr vom Hilfesystem wissen. Auch hier kann ein Lotse eine gute Alternative sein.

Wichtig für den Lotsen ist die Erkenntnis, dass er den Patienten nicht „retten“ muss, dass er kein Therapeut und nicht für den Patienten verantwortlich ist. Diese Erkenntnis ist der beste Lotsenschutz.

 

Zum Ziel der Abstinenz im Lotsenprojekt kann ich sagen, dass dies ein Fernziel ist, aber nicht vordergründig bearbeitet werden soll. Zunächst soll der Patient erfahren, dass er nicht alleine mit seinen Problemen ist und dass es Möglichkeiten gibt, die Alkoholabhängigkeit zu besiegen. Die Annahme der Hilfe durch einen Lotsen ist der erste Schritt auf dem Weg zur Abstinenz. Wenn größere „Abstürze“ verhindert werden können, ist das ein Erfolg. Wenn eine Vermittlung in eine Selbsthilfegruppe erreicht werden kann ist das auch ein Erfolg.

 

 

Marina Knobloch