Berührungen zur professionellen Hilfe

Für suchtkranke Menschen und deren Angehörigen gibt es ein breites Spektrum an Hilfen im ambulanten, teilstationären und stationären Bereich der professionellen Suchthilfe sowie der Suchtselbsthilfe. Die Suchtselbsthilfe hat sich in Deutschland in ihrer mehr als hundertjährigen Geschichte zu einem eigenständigen Unterstützungsangebot für Menschen mit Suchtproblemen und deren Angehörigen entwickelt und ergänzt in vielfältiger und wirksamer Weise die Angebote der professionellen Hilfe. Vor allem kann die Selbsthilfe im Alkoholbereich auf eine lange Tradition blicken. Zahlreiche Selbsthilfegruppen unterstützen Betroffene und Angehörige vor, während und/oder vor allem nach einer Therapiebehandlung. Nicht selten treten Selbsthilfegruppen an die Stelle der professionellen Angebote, motivieren den Betroffenen zum Ausstieg aus der Sucht, stabilisieren ihn auf dem Weg zu einer abstinenten Lebensweise und unterstützen ihn bei der Wiedereingliederung in die Gemeinschaft. Selbsthilfeaktivitäten sind nicht an Öffnungszeiten gebunden, so dass den Hilfe Suchenden bei Bedarf zeitnah aus der Krise geholfen werden kann.

Selbsthilfeaktivitäten im Bereich der illegalen Drogen sind jedoch wesentlich geringer verbreitet als im Alkoholbereich. Die Gründe hierfür können vielfältig sein. Zum einen haben wir es bei der Zielgruppe mit in der Regel jüngeren Menschen zu tun, deren Lebenswelten sich von denen der älteren Generation unterscheiden. Zum anderen setzt Selbsthilfetätigkeit ein Mindestmaß an persönlichen Ressourcen voraus, die aufgrund sozial ungünstiger Lebensbedingungen von Menschen mit Problemen beim Konsum illegaler Drogen beeinträchtigt sind. Für diese Menschen sind deshalb die Einrichtungen der professionellen Hilfe meist erste Anlaufstelle.

Die ambulanten, teilstationären und stationären Angebote der professionellen Hilfe richten sich nach den individuellen Hilfebedarfen suchtkranker- und gefährdeter Menschen und deren Angehörigen. Professionelle Hilfe wird von unterschiedlichen Leistungsträgern (Krankenkassen, Rentenversicherung, Länder, Kommunen) finanziert und unterliegt daher fachlichen Rahmenbedingungen bzw. Qualitätsstandards. Die Suchtkrankheit betrifft den ganzen Menschen, so dass medizinische und psychosoziale Hilfen ineinander greifen müssen, um langfristige Erfolge zu erzielen. Die Unterstützung erfolgt durch qualifiziertes Personal wie z. B. Ärzte, Psychologen und Sozialpädagogen. Suchtforschung und langjährige Erfahrungen in der Arbeit der professionellen Sucht- und Drogenhilfe fördern eine Anpassung der Konzepte an die realen gesellschaftlichen Bedingungen und individuellen Voraussetzungen jedes einzelnen Betroffenen. Das Ziel der beruflichen und sozialen Integration der betroffenen Menschen setzt einen gewissen Grad an Selbständigkeit und sozialen Kompetenzen voraus. Dies kann wiederum durch Selbsthilfeaktivitäten z. B. in einer Selbsthilfegruppe unterstützt werden.

Beide Unterstützungssysteme, die Suchtselbsthilfe – die durchaus auch sehr professionell sein kann – und die professionelle Suchthilfe leisten gute Arbeit und sind erfolgreich. Aus diesem Grund darf es kein Entweder- oder, sonder muss es ein Sowohl-als-auch geben. Wenn professionelle Suchthilfe und Suchtselbsthilfe die jeweils eigenen Grenzen anerkennen und die Möglichkeiten, die sich mit Hilfe des anderen Systems bieten, als Unterstützung statt als Konkurrenz sehen, ist ein gemeinsames Miteinander möglich und Früchte tragend.

Marina Knobloch