Thema: Teilhabe

Die Förderung der Selbstbestimmung und gleichberechtigten Teilhabe behinderter oder von Behinderung bedrohter Menschen ist als grundlegendes Ziel im §1 des Sozialgesetzbuches IX fest verankert.

Bereits vor der Existenz des Sozialgesetzbuches IX hat die Suchtselbsthilfe erkannt, dass die Teilhabe am Arbeitsleben ein wesentlicher Faktor und Ressource zur Wahrnehmung des Rechtes auf Selbstbestimmung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist. Sie hat auch lange vor der Veröffentlichung zahlreicher Studien festgestellt, dass es eine Wechselwirkung zwischen Teilhabe am Arbeitsleben und einer Abhängigkeitserkrankung gibt. Und auch Fachexperten der Suchthilfe konnten sich lange Zeit nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass die berufliche Rehabilitation und Integration positiven Einfluss auf die Abhängigkeitskranken hat. Die Selbsthilfe hat darüber nicht nachgedacht, sie hat einfach gehandelt, und sie sollte Recht behalten.

Selbsthilfe verwirklicht Integration

Wenn Menschen einer sinnvollen Aufgabe nachgehen, ist der Focus nicht mehr nur auf das Suchtmittel gerichtet. Zur Arbeit gehen heißt für einen suchtkranken Menschen Werte schaffen, mitbestimmen und mitgestalten dürfen, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, nicht mehr alleine sein, Geld verdienen, etwas wert sein, dazu lernen, neue Menschen kennen lernen. Suchtkranke haben es schwerer als andere, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Die meisten von ihnen sind zwar arbeitsfähig, aber (noch) nicht in der Lage, sich auf dem ersten Arbeitsmarkt zu behaupten. Sie benötigen eine begleitende Unterstützung zur gesundheitlichen und sozialen Stabilisierung und zur Stärkung der hierfür notwendigen Ressourcen. Die Integrationsleistung von Erwerbsarbeit und ihre stabilisierende Funktion verwirklichen sich z. B. in Arbeits- und Beschäftigungsprojekten der Suchtselbsthilfe.

Zahlreiche Beispiele beweisen, dass die berufliche Teilhabe rückfallprophylaktisch wirkt, den Genesungsprozess unterstützt, die Persönlichkeit stärkt und das soziale System des suchtkranken Menschen stabilisiert. Zu nennen wären hier die „Stiftung Synanon“, „die Fleckenbühler“, die „Hilfe zur Selbsthilfe Jena e.V.“, die „Hilfe zur Selbsthilfe – neue Hoffnung Eisenach e.V.“ u.v.m.

Ressourcen wecken und Hilfen erweitern

Diese meist aus einer kleinen Gruppe entstandenen Initiativen zur Integration arbeitsloser abhängigkeitskranker Menschen haben erkannt, dass ein „darüber reden“ zwar die momentane Situation etwas erleichtern kann, aber nichts an der Situation der Arbeitslosigkeit ändern wird. Mit den Arbeits- und Beschäftigungsmaßnahmen haben „betroffene Menschen“ für sich selbst und für andere „betroffene Menschen“ Ressourcen geweckt und damit das Aufgabenspektrum einer Selbsthilfegruppe um wesentliche Handlungsfelder erweitert. Selbsthilfe ist deshalb auch mehr als Gruppenarbeit. Selbsthilfe ist u.a. Initiative zur Teilhabe von suchtkranken Menschen. Das heißt nicht, dass jede Selbsthilfegruppe ein Arbeitsprojekt oder eine Beschäftigungsinitiative vorhalten muss. Das heißt aber, dass das Thema Teilhabe ein Diskussionsschwerpunkt in den Gruppengesprächen sein soll und dass arbeitslose Gruppenmitglieder ggf. an vorhandene Projekte im regionalen Netzwerk vermittelt werden.

Förderung der gleichberechtigten Teilhabe

Neben den Arbeits- und Beschäftigungsprojekten der Suchtselbsthilfe gibt es auch Projekte der professionellen Hilfe zur beruflichen und gesellschaftlichen Wiedereingliederung suchtkranker Menschen. Diese sollten miteinander in einen fachlichen Austausch treten, von den unterschiedlichen Professionen profitieren und sich miteinander vernetzen. Das Ziel ist überall das gleiche: Die Förderung der Selbstbestimmung und gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Suchtproblemen bei gleichzeitiger Überwindung der Suchterkrankung.

Marina Knobloch